Wasserlose Urinale
Man stelle sich drei Liter reines Trinkwasser vor. Das ist soviel wie sechs große (0,5l) Biergläser oder mehr als der Tagesbedarf eines Menschen. Und nun pinkle man in einen Gully und schütte alle sechs Gläser hinterher. Das ist eine ziemlich absurde Szene, doch nicht viel anders als das, was sich täglich in Restaurants, Büros, Bars usw. abspielt: auch hier werden, wenn Männer aufs Klo gehen, ca. 200-400ml Urin mit 2-4l Wasser (die zehnfache Menge!) heruntergespült. Nun lässt sich einwenden, dies sei notwendig, damit es auf dem Klo nicht stinkt. Das war bei klassischen wassergespülten Urinalen auch zutreffend. Dass es beim Pinkeln auch anders, und zwar
völlig ohne Wasserverbrauch
gehen kann, ist noch relativ unbekannt. Die Lösung heißt wasserlose Urinale und wird von diversen Unternehmen in Deutschland angeboten. Ich habe mich für die Produkte von Sinaqua Waterless entschieden, weil diese im Preis (zwischen 349 und 506 Euro Listenpreis) am meisten überzeugen und die Firma namhafte Referenzen wie z.B. die Universitäten Düsseldorf und Berlin, McDonald's oder KaDeWe Berlin vorweisen kann. Insbesondere die Installation von Waterless Urinalen in unmittelbarer Nähe der Feinkostabteilung des noblen KaDeWe spricht dafür, dass es Geruchsentwicklung dieser Urinale nicht besonders weit her ist.
Funktionsweise
Wie funktioniert also der Zauber? Es ist schlicht das Zusammenspiel zweier innovativer Komponenten, das den wasserlosen Betrieb ermöglicht: Die Oberfläche und der Syphon.
Die Oberfläche wurde durch eine spezielle Behandlung so flüssigkeitsabweisend gestaltet, dass das Urin praktisch rückstandlos an ihr abperlt und in den Syphon geleitet wird. Dieser Effekt wird nach seinem natürlichen Vorbild der "Lotusblüteneffekt" genannt.
Die zweite Komponente ist der Syphon, durch den das Urin in die
Kanalisation abfließt. Um die Funktionsweise des Syphons zu verstehen, muss man
sich ein Glas Essig und Öl vorstellen: Den Essig im Glas riecht man so lange, bis man
Öl mit ins Glas gibt. Sobald sich das Öl wegen seiner geringeren Dichte auf
der Oberfläche verteilt hat, schließt es den Essig geruchsdicht ab - selbst,
wenn man noch mehr Essig hineingießt. Genau so funktioniert der Syphon auch:
Die Sperrflüssigkeit ist leichter als Urin und schließt die Gerüche des Urins
vollkommen ab, auch wenn immer wieder neues Urin durchgeschickt wird. Dadurch
kann ein Syphon bis zu 6.000-7.000 Mal benutzt werden, bevor er aufgrund von
Ablagerungen ausgewechselt werden muss. Ein wassergespültes Urinal lässt bei gleicher Benützungsleistung
ca. 20.000 Liter
Trinkwasser durch den Abfluss rauschen - damit kann ein Mensch über 20 Jahre
lang seinen Trinkwasserbedarf (3l) decken.
Kommen wir zur Hygiene: Der erste Gedanke beim Pinkeln ohne Wasserspülung ist bei vielen "Igitt!". Das ist bei uns kulturell verankert, weil wir von Kindesbeinen wassergespülte Toiletten gewöhnt sind. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass es eigentlich anders herum sein müsste: Betrachtet man nüchtern die Bildung von Bakterien und Schimmelkulturen bei wasserlosen und wassergespülten Urinalen (sog. "Abklatschuntersuchung"), so stellt man - wie die zuständige Behörde LGA in ihrer Analyse - fest, dass sich in wasserlosen Urinalen überhaupt keine Schimmelkulturen und nur ein Bruchteil der Bakterienkulturen wassergespülter Urinale befinden.
Der Grund liegt im System der Wasserspülung: Bei einer Spülung wird natürlich der Grossteil des Urins fortgespült - ein Teil bleibt jedoch haften. Was vor allem bleibt, sind die Bakterien - und die werden durch das Wasser im ganzen Becken verteilt und mit zusätzlichen Nährstoffen versorgt . Bei reinem Urin, der üblicherweise keimfrei ist und nahezu rückstandlos abfließt, können sich dagegen Bakterien kaum und Schimmelpilze gar nicht entwickeln.
Zum anderen macht die Wasserspülung einen "Schwallrand" notwendig, der den Benutzer davor schützt, dass Spülwasser auf seine Hose schwappt. Dieser Schwallrand ist schwer (und unangenehm) zu reinigen und bietet einen behaglichen Wohnraum für Bakterien und Schimmel. Ein wasserloses Urinal kommt ohne einen solchen Schwallrand aus und bietet damit Bakterien und Schimmelpilzen keinen Unterschlupf. Sie haben es dadurch doppelt schwer: Keine Nahrung und kein Platz, wo sie sich ungestört verbreiten können. Das Resultat ist - richtige Installation und sauberes Umfeld vorausgesetzt - ein ungewohnt angenehmes Geruchsumfeld der Urinale.
Die Freuden der Menschen sind vielfältig: Während sich andere an gutem Essen, Filmen und Musik laben, können andere sich nicht schöneres vorstellen, als ein Urinal zu verstopfen. In den Abflüssen finden Gastwirte immer wieder Taschentücher, Tampons, Klopapier, Zigarettenkippen u.a. Nicht nur, dass die Popelei eine unangenehme und zeitraubende Arbeit ist, Verstopfungen sind oft der Grund, warum der Toilettenbesuch auch perfekt gepflegten Restaurants einen faden Beigeschmack geben kann.
Wasserlose Urinale machen hier Schluss. Die Schlitze, durch die das Urin abläuft, sind dermaßen dünn, dass man auch mit viel Liebe kein Taschentuch hindurchdrücken kann. Diese Konstruktion ist dadurch möglich, dass eben nur der Urin, nicht 3l Wasser abfließen müssen. Natürlich bieten sie trotzdem - auch bei leichter Verschmutzung - genug Platz, dass auch eine grosse "Erleichterung" problemlos abfließt.
Der zweite Grund für Verstopfungen ist chemischer Natur: Kalkablagerungen mit dem leckeren Namen "Urinstein", die man häufig in Abflußrohren findet. Diese bilden sich in einer Reaktion zwischen Wasser und Urin, da die Salze im Urin den Kalk aus dem Wasser lösen und ihn zum ausflocken bringen. Das Resultat sind sich immer weiter anhäufende Kalkablagerungen, die nach 1-3 Jahren (abhängig vom Härtegrad des Wassers) mechanisch oder mit Salzsäure entfernt werden müssen.
Bei wasserlosen Systemen dagegen unterbleibt diese Reaktion: Ohne Wasser und damit ohne Kalk bleibt das Rohr frei - und wird, wie eine Langzeitstudie der Stadt New York belegt, in keinster Weise angegriffen. Die Einsparungen, die sich deshalb aus dem Fernbleiben von Klemptnern, eingesparter Arbeitszeit ("herauspopeln", schnellere Reinigung) und entfallener Reparaturen (wasserlose Urinale haben keinerlei mechanische Verschleißteile) ergeben, belaufen sich auf gut 100 Euro pro Urinal und Jahr.
Optik
Die neueren Modelle aus Sanitärkeramik (z.B. das "Boronia" rechts) sind optisch den herkömmlichen Systemen so ähnlich, dass die meisten Nutzer den Unterschied gar nicht erst bemerken. Lediglich "Insider" der Branche und Leute, die wirklich überall genau hinschauen, werden bemerken, dass sich in dem Becken weder Schwallrand noch grau-gelbliche Kalkrückstände, Plastikgitter oder Klosteine (mit ihren grausligen Gerüchen) befinden.
Pflege
Wasserlose Urinale müssen nicht mehr und nicht weniger gepflegt werden wie ihre wassergespülten Kollegen. Der Unterschied: Wasserlose Urinale müssen nur mit Wasser oder dem Waterless-Reiniger (bis zu 40-Fach verdünnbares Konzentrat auf Zitronensäurebasis) eingesprüht und dann mit einem weichen Tuch abgewischt werden. Harte "WC-Reiniger", um z.B. der Bewohner im Schwallrand Herr zu werden, entfallen hier - ein weiterer Vorteil für die Umwelt.
Der Syphon muss alle 6.000 bis 7.000 Benutzungen ausgewechselt werden. Dies geht nur mit der mitgelieferten Spezialzange, ist aber innerhalb von 30 Sek. zu bewerkstelligen: Alter Syphon raus, in den Müll (alle Inhaltsstoffe - auch die 100% biologisch abbaubare Sperrflüssigkeit - sind ökologisch unbedenklich) und neuen Syphon hinein.
Überall dort, wo derzeit ein wassergespültes Urinal hängt, sollte eigentlich ein wasserloses installiert werden. Das rentiert sich für den Betreiber - abhängig von Benutzungsfrequenz, Wasserpreis und Härtegrad - unter Einbeziehung aller Kosten bereits nach 1-3 Jahren. Wer den ersten Schritt in Richtung umweltfreundlicheres, hygienischeres und wirtschaftlicheres Pieseln machen möchte, fordere einen Prospekt an und lasse sich - natürlich unverbindlich - beraten.